Aus einer Schnecke wird (k)ein Pfau

Wie viele Kilowattstunden wohl zusammen kommen würden, wenn wir all die Energie messen könnten, die wir darauf verwenden, anders zu sein als wir sind?

Ich glaube, ich könnte mit der von mir hierfür aufgebrachten Energie ein kleines Ein-Familien-Haus mit Wärme und Licht versorgen. Mindestens so lange bis die Kinder ausziehen.

Fast unermüdlich speiste ich den Speicher dieses Ein-Familien-Hauses mit “Ich sollte”-Energie. Ich sollte endlich mal extrovertierter sein. Oder wenigstens spontaner. Und schneller. Und aufgeschlossener gegenüber den neuen Medien. Aktiver sein, sichtbarer werden.

Wenn du das so liest, spürst du dann den Schmerz des “Ich sollte”?

In so vielen Gedankengängen machen wir das. Und weil wirs mit uns selbst machen, machen wirs auch mit anderen. Es gibt allerdings eine gute Nachricht: Irgendwann werden wirs müde. Irgendwann werden wirs leid. Und in uns bildet sich ein großes, wunderschönes, leuchtendes und krrrrrrrrraftvolles

“Sch…. drauf”.

Bei mir zeigte es sich in plötzlich flammendem Zorn als mir wieder mal eine von den eher extrovertiert veranlagten Freundinnen riet: “Geh doch mal raus. Da muss man sich halt überwinden. Wo die Angst ist, gehts lang” undsoweiterundsofort. Zusammengefasst: “Machs doch mal so wie ich”.

Tatsächlich hatte ich mir genau das schon selbst zig mal gesagt. “Jetzt mach doch mal”. Es hätte mich sonst nicht wütend machen können. Keine Chance. Aber es war genau das eine mal zu viel. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.  Und so dachte sich dann eben dieses große, wunderschöne, leuchtende und krrrrrrrrraftvolle “Sch…. drauf”.

Und das tat so gut! Boa, wie sehr ich mich mit diesem Mist selbst vergewaltigt hatte!

In der Zeit zuvor hatte ich mir beispielsweise verordnet, regelmäßig auf Vernissagen zu gehen um dort  mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Auf meinen eigenen Ausstellungseröffnungen fühlte ich mich nämlich stets überfordert. Und nicht nur an dem Abend: Selbst, wenn alles schon vorbei war, brauchte ich Wochen um wieder zurück in meinen Alltag und in mich zu finden. Ich ging davon aus, dass es so ist, weil ich eben wenig Übung habe. Über die sogenannte “Komfortzone”, die man tunlichst verlassen sollte, hatte ich auch schon genug gelesen: Also.

Also schob ich mich – wo die Angst ist, gehts lang – immer wieder selbst an der Schulter über die Schwelle größerer Veranstaltungen. Um mich nach einem mir angemessen scheinenden Zeitraum verschwitzt und überladen mit weiteren “Ich sollte”-Gedanken aus der Situation zu entlassen. (“Ich sollte nicht so verkrampft dagestanden haben. Ich sollte mir nicht den Belag des Häppchens auf die Bluse gekleckert haben…..”).

Und dann machte ich eine überraschende Beobachtung: Jedesmal, wenn ich – erleichert darüber, es wieder mal überstanden zu haben – in die S-Bahn stieg …. kam ich ins Gespräch. Mit wildfremden Leuten. Einfach so. Ganz von alleine. Da sprach ich mit einer jungen Frau über ihre Violine, Musik-Unterricht und Notenkönnen oder -nichtkönnen. Mit einer anderen unterhielt ich mich über deren Flohmarktschnäppchen und wie ich das Problem meiner an der Decke anstoßenden Yukka-Palme lösen könnte.

So.

Was war der Unterschied?

Zum einen akzeptiere ich, daß ich mich in kleineren und natürlicheren Gesprächsgefügen einfach wohler fühle. Zum anderen akzeptiere ich, daß ich mich in kleineren und natürlicheren Gesprächsgefügen einfach wohler fühle. Das entspricht meiner Art – ist also artgerecht und fällt mir deshalb leicht.

Kein “Ich sollte”.

Ich habe aufgehört, mich an einen (inneren) Ort zu kritisieren oder üben zu wollen, der mir nicht entspricht.

Es lebe die Freiheit!

Ich gehe immer noch auf Vernissagen. Aber nicht, weil ich mich damit “persönlichkeitsentwickeln” will. Ich gehe, weil ich Lust auf die Show habe. Weil es mich interessiert, was dort wie gezeigt wird. Ich gehe als eine Schnecke hin und lass mich eine Schnecke sein. Zugegeben: eine neugierige Schnecke, aber eine Schnecke. Das ist viel entspannter.

Hören wir bitte auf  “Ich sollte” zu uns zu sagen. Lassen wir es bitte: “Sei doch mal anders” zu uns und anderen zu sagen. Am Ende traut sich sonst keiner mehr zu sein wie er ist. Noch schlimmer: Am Ende WEISS keiner mehr wie er ist.

Das gilt in alle Richtungen. Die gleiche Verkorksknuddelung würde geschehen, wenn ich zu der eher extrovertierten Freundin sagen würde: “Sei doch mal überlegter, besonnener, stiller. Beschäftige dich doch mal mehr mit dir selbst, geh doch mal mehr nach innen”. Zusammengefasst: “Sei doch mal mehr so wie ich”.

Wichtig: Es ist nicht nötig, des anderen Eigenart schlecht zu machen, damit ich mich mit meiner Eigenart besser fühle. Diesen Impuls habe ich an mir immer dann beobachtet, wenn ich mich selbst noch nicht so lassen kann, wie ich bin. Es ist ein Versuch, die unangenehmen Gefühle, die das verursacht, loszuwerden.

Ein “Ich sollte”-Gedanke, der mich im Augenblick noch schmerzhaft begleitet, ist: “Ich sollte abstrakter werden in meinem kreativen Ausdruck”. (Und ich merke, wie ich deshalb manchmal abstrakte Arbeiten in den Kakao ziehen möchte als eine logische Konsequenz von meinem schmerzhaften “Ich sollte”-Gedanke).

Ich weiss, es macht keinen Sinn, sich einen anderen kreativen Ausdruck zu wünschen (wobei: Ist das wirklich mein Wunsch?) Und während ich das schreibe, stelle ich mir einen Fisch vor, der versucht ein Vogelnest zu bauen.

Mein kreativer Ausdruck ist im Moment so wie er im Moment ist. Im Moment ist er gegenständlich und für alle gut verstehbar. Jeder kann auf Anhieb erkennen, was es ist. Wenn es sein möchte, dann wird es ungegenständlicher werden. Von alleine und von innen. Noch ist es aber nicht so.

Nichts ist festgelegt. Nichts gilt auf immer.

Aber alles ist so wie es im Moment ist.

Ausnahmslos. Das ist mit oder ohne Erlaubnis so.

Nur “mit” fühlt es sich leichter an. Und weit. In der Erlaubnis entstehen neue Räume. Das ist das Wunder daran. Im weiten Raum der Erlaubnis stellt die Schnecke plötzlich fest, dass sie Pfauenanteile in sich trägt und der Pfau, dass auch er ein Schneckenhaus dabei hat. Ganz von alleine. Oder auch nicht. Und dann ist auch das so, wie es im Moment ist.

Alles Liebe,

Petra

(PS: Meiner Erfahrung nach ist entscheidend, was Du selbst im Augenblick wahrnimmst, wie du bist. Ich vermute, die wenigsten Menschen wissen tatsächlich vollumfänglich, wer oder wie sie sind und was ihnen möglich ist. Vielleicht ist dafür ja dieses Leben da, um das jeden Tag ein Stückchen mehr wahr- und anzunehmen. Wie ein uraltes kostbares Gemälde, von dem wir nach und nach die Staubschicht abtragen.)

In meinen Blogartikeln schreibe ich über meine persönlichen, selbstgemachten Erfahrungen. Nimm dir, was dich bewegt – den Rest vergiss getrost. Weder muss ich meine Erfahrungen an deine anpassen, noch du deine an meine. Alles ist in stetiger Veränderung und nichts ist hier in Stein gemeißelt. Ich bin frei und du auch.

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